04.09.17

Ihr wisst doch gar nicht, was ihr wollt

Oder: Ich weiß häufig nicht, was ich will - und welche Schlüsse ich daraus ziehe.

Euch ist das bestimmt auch schon so gegangen. Ein junges, hippes Rollenspiel geht neue Wege, die sich richtig anfühlen. Es greift irgendetwas auf, das in der eigenen Runde schon mal Probleme bereitet hat, und "repariert" es. Oder es ist einfach etwas, dass ganz offensichtlich in dieser neu beschriebenen Weise besser funktionieren sollte, als man es selbst in der Vergangenheit erlebt hat.

Für mich ist das Fate. Ich mag das System. Es macht so viele Dinge richtig. Es ist flexibel wie kaum ein anderes. Es sorgt sich nicht um die "Macht" von Figuren sondern um Erzählrechte und Rampenlichtzeit. Es gibt den Spielern ein Mitspracherecht, was Welt, Hintergründe und Themen angeht. Das muss doch einfach besser funktionieren als die eigene DSA- oder D&D-Runde, in der der Spielleiter - so gut er auch normalerweise ist - ab und zu nicht das liefert, worauf man gerade Bock hat. Da habe ich diese tolle Idee, was ich im Spiel machen will und dann kapiert er es an diesem Tag nicht und meine Superidee läuft ins Leere. Schade drum. Ich bin ihm nicht böse, er kann ja bei der Vorbereitung nicht an alles denken. Aber genau da müsste Fate doch viel besser laufen, oder?

Ich habe zwei Testspiele gemacht, einmal als Spieler und einmal als SL - Fate funktioniert wirklich. Aber nicht für mich. Beide Testspiele ließen mich mit einem faden Gefühl zurück. Dieser ganze Mitgestaltungskram der Spieler ist einfach nicht mein Ding. Ich will das nicht als SL und ich will es auch nicht als Spieler. Als ich die Regeln las, war ich fest davon überzeugt, dass das perfekt für mich sein müsste. Im Spiel stellte ich fest, dass ich offenbar doch zu sehr in der klassischen Spielweise - der Spielleiter erschafft die Welt und der Spieler kommt darin klar - verankert bin. Ohne dass es mir bewusst war, scheine ich in vielen Bereichen viel mehr OSR'ler zu sein, als ich dachte. Na sowas.

Ich habe mich falsch eingeschätzt.

Mir geht das nicht allein so. Rollenspiel bietet sich zum Theoretisieren an. Besonders natürlich im Internet. Was machen wir denn hier, wenn wir bloggen, in Foren diskutieren oder in sozialen Netzwerken unsere RPG-Gruppen aufrufen? Spielen tun wir da nicht. Wir reden über das Spielen. Da uns als erwachsenen Rollenspielern häufig die Zeit fehlt, so viel zu spielen, wie wir gern möchten, reden wir halt drüber. Da ist ja auch in Ordnung. Die Regelwerke unterstützen das, denn sie erklären das Spiel in theoretischen Worten und unterfüttern diese Theorien mit Regeln.

In einem Hobby, das sehr stark durch seine Fans mitgestaltet wird, kann eine weitreichende Fehleinschätzung des eigenen Geschmacks dazu führen, dass Produkte schlechter werden, wenn man die Fans fragt. Dungeonslayers fragte einst seine Fans, was sie als nächstes für ein großes Produkt haben wollen. Starslayers - die Science-Fiction-Variante des Regelwerks - gewann. Große Bücher und grundlegende Erweiterungen sind ja auch was Tolles. Was die Fans aber nicht wollten, war eine Wartezeit von mehreren Jahren, bis ein komplettes Regelwerk entwickelt ist. Es ist lange nichts erschienen, weil Starslayers viel Arbeitskraft bindet, und plötzlich ist Starslayers nicht auf Platz eins der Wunschliste. Auch für Cthulhu gibt es immer wieder Umfragen, was die Fans wollen. Mal abgesehen davon, dass die Forenleser nicht den Durchschnitt der Spieler darstellen, wissen viele einfach nicht, was sie wirklich wollen. Das klingt arrogant, ich weiß, ist aber eine an mir selbst beobachtete Tatsache.

Spieltests sind ein weiteres Ding. Eine neutrale Beschreibung der Spielereignisse und -handlungen, ist für die Entwickler wesentlich hilfreicher als Meinungsäußerungen, die sich häufig viel zu sehr auf Detailfragen konzentrieren oder aus der Situation heraus entstehen.

Das gleiche gilt übrigens für den Wunsch nach Informationen von Verlagen. Wenn die Fans auf bestimmte Produkte warten, wird schnell der Wunsch nach "mehr Kommunikation" laut. Der Verlag wird kritisiert, dass er die Fans nicht auf dem Laufenden hält. Ganz ehrlich: Ich halte das für ganz großen Quatsch. Wir wollen nicht auf dem Laufenden gehalten werden, wir wollen gute Nachrichten; wir wollen Produkte. Manche Verlage strampeln sich ab und schreiben News darüber, wie weit Produkte sind und warum sie halt so lange dauern, wie sie dauern, doch das Gemecker bleibt. Kein Wunder. Wir sollten sagen, was wir wirklich wollen: Produkte, kein Gequatsche.

All das ist die langstielige Erklärung für Folgendes:

Hinterfragt eure eigenen Wünsche. Ihr macht euer Spiel besser. Wenn ihr eure Wünsche und euren Geschmackb besser kennt, profitiert unter Umständen die gesamte Community davon. Hinterfragt auch eure Wünsche an die Verlage. Vielleicht macht der Verlag alles richtig, wir wissen es nur nicht.

Kommentare:

  1. Interessante Beobachtungen.

    @DS: Na, solche Wünsche sind ja immer Momentaufnahmen. Im DS-Forum sind ja seit der Umfrage 70 Prozent der regelmäßigen Schreiber jetzt andere ... Bei Starslaer kann man vieles mit Gammaslayers und viel mit der Sternenstreuneredition spielen, die Fans waren schon sehe, sehr heiß drauf und wurden wöchentlich anpromoted und dann kam ... nix. Jetzt ist jeder froh über ein Leenszeichen - zum Glück gibt es zur Slayvention wieder welche.

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  2. Naja, ist vielleicht nicht das beste aller Beispiele, lag mir aber gerade nahe :-)

    Trotzdem unterfüttert es zumindest ein klein wenig meine Idee: Ohne Umfrage wären die Leute vermutlich mit allem zufrieden gewesen, das nur orgentlich promotet wird.

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    1. Die Theorie ist sicher nicht falsch, aber ich glaube, das wäre auch jetzt so ^^
      DS hat ja über lange Jahre vieles sehr, sehr richtig gemacht und hätte man Starslayers zu seiner Zeit zu Ende gebracht, wäre es auch eingeschlagen.

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  3. Ich bin auf Google+ SEHR aktiv. Aber dort rede/schreibe ich nicht nur über Rollenspiele, statt zu spielen, sondern gerade dort finden sich problemloser als in meinem häuslichen Umfeld schnell mal Spielrunden, um neue Rollenspiele in der Praxis auszuprobieren, Exoten, für die man eh wenige Interessenten findet, via Videochat zu spielen und generell einen sehr praxisbezogenen Überblick über viele, viele Rollenspiele und Spielweisen zu erlangen, der einem beim reinen schriftlichen "Theoretisieren" eher abginge.

    Ich hatte früher immer erst einmal (oft langwierig) meine häuslichen Gruppen überreden (weniger überzeugen) müssen, mal ein neues System, eine neue Welt auszuprobieren. Daher hatte ich immer einen ganzen Stapel an Spielen, die ich wirklich GERNE mal in der Praxis erlebt hätte, nur leider mangels Gelegenheit und Gruppeninteresse ungespielt in den Regalen liegen hatte.

    Das hat sich in den letzten fünf oder mehr Jahren, seit Google+ und die Google-Hangout-Videochats verfügbar sind, ganz massiv geändert. Nun ist auf meiner "langjährigen Warteliste" so gut wie nichts mehr ungespielt geblieben. Dafür kommen ja jeden Monat reichlich viele Kickstarter mit neuen Rollenspielen heraus, die auch mal ausprobiert sein wollen.

    Gerade bei Fate hat sich hier für mich eine echte "Kehrtwende" eingestellt: Die alten Fate-Versionen (Fate 3 und ältere) wollten für mich überhaupt nicht funktionieren. Mit der wirklich hilfreichen und offenen Google+-Fate-Community, die sich mit dem Fate Core Kickstarter gebildet hatte, hatten sich so viel Gelegenheiten ergeben in Spielrunden Fate in der Praxis zu erleben - als Spieler anfangs, dann auch als SL - so daß Fate für mich eine zeitlang sogar zum meistgespielten Regelsystem wurde. - Ohne die Google+ Commnity und die vielen, so einfach zustande kommenden Spielrunden zum Ausprobieren, hätte ich vielleicht Fate Core nicht für mich entdeckt und jede Menge Freude im Rollenspielhobby, die ich mit Fate hatte, verpaßt.

    Allein das praktische Ausprobieren hilft mir über meine eigenen Vorlieben bzw. deren Änderungen mit der Zeit deutlich bewußter zu werden. Außerdem erhalte ich so einen viel besseren Einblick darin, welche Spielweisen mit welchen Spielern besser gehen, wie andere SLs vorgehen, usw.

    Allein auf Foren oder Blogs beschränkt hätte ich nie und nimmer diesen enormen Einblick und Überblick mit Fundament in eigenen Spielerfahrungen erhalten.

    Daher kann ich nur ermutigen den Schritt zu Google+ in die Community "Rollenspieler (deutschsprachig)" zu gehen (bei Facebook gibt es leider keine brauchbare Rollenspiel-Community, sondern nur "awesome"-Rufer und Harmonie-Prediger).
    Dort einfach mal nach Spielrunden zu Spielen, die einen interessieren, nachfragen. Es finden sich oft sehr schnell Spielleiter und weitere Mitspieler, so daß einer Erweiterung der praktischen Erfahrungen nichts im Wege steht.

    Für mich funktioniert das sehr gut - so gut, daß ich es nicht mehr missen möchte, weil es meine Hobby-PRAXIS so sehr bereichert hat.

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    1. Die Gplus-Gruppe kann man in der Tat empfehlen, auch wenn ich dort nicht aktiv spiele. Ich hab das Glück, gleich zwei monatliche RPG-Veranstaltungen zu besuchen, auf denen sich immer wieder neues ausprobieren lässt und dazu noch eine recht aufgeschlossene feste Gruppe.

      Fate im übrigen fand ich interessant, die Proberunden konnten mir vermitteln, was andere daran mögen, mein System ist es aber auch nicht, obwohl ich es durchaus nochmal nutzen würde, um Settings anzutesten.

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  4. Ich hinterfrage meine Wünsche ständig. Und ich wollte vor allem auch Fate mögen, weil es so viel anders macht. Hat nicht funktioniert. Im laufe der letzten 2 Jahre hab ich 6 SLs verschlissen und es hat nicht funktioniert. Keinem einzigen gelang es auch nur annähernd das Spiel rüberzubringen so wie es sich liest. Als SL mag ich es auch nicht. Vielleicht liegt es auch daran das ich seit 35 Jahre SL bin und so manches anders mache. Und nicht mehr umdenken will.

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