18.05.17

[Rezension] Manifest Destiny 4: Sasquatch


Die fantastische Reise in den unerforschten Westen der USA geht weiter. Die Reisenden mussten Rieseninsekten, menschenfressende Amphibien, Büffelzentauren und sogar Mooszombies überleben. Was mag wohl in der vierten Etappe der Reise auf sie warten?

Die Reisegruppe ist bereits ziemlich dezimiert worden. Nun naht der Winter und es muss ein Quartier gefunden werden. Doch zunächst gilt es weiter zu reisen. Es ist ein Weg, der auch vor ihnen bereits beschritten wurde, denn die Expedition von Captain Meriwether und Lieutenant Clark ist nicht die erste, die in diese unwirtliche Wildnis vordringt.

Die Geschichte beginnt mit dieser früheren Expedition. Knapp drei Jahre vor Meriweather und seiner Crew durchwanderte sie die gleiche Gegend. Auch sie mussten sich ein Winterquartier suchen, nachdem sie mehrere Male durch die Hölle gegangen waren. Sie mussten zusehen, wie ihre Kameraden von den in der Wildnis lebenden Monstern gefressen, zerrissen und zertrampelt wurden. Als dann endgültig die Nahrung ausgeht, sind einige zum Äußersten bereit, um zu überleben. Andere sind es nicht. Als schließlich ein Geist auftaucht und zeigt, wovon sich die Gruppe ernähren kann, erscheint es gar nicht so schlimm, dass der Tippgeber tot ist.

So begegnen sowohl der Leser als auch die Reisenden das erste Mal dem titelgebenden Sasquatch - einem formidablen Gegner, aber für die Gruppe auch eine Überlebenschance. Als Meriwethers Reisegruppe drei Jahre später auf die gleichen Wesen trifft, ist es kein Wunder, dass diese nicht so gut auf Menschen zu sprechen sind.

Die Geschichte springt zwischen den beiden Zeiten hin und her. Was damals geschah, hat wesentlichen Einfluss auf das, was heute geschieht – sogar mehr, als es zunächst den Anschein hat. Ich fand die Zeitsprünge zunächst ziemlich verwirrend. Bis ich überhaupt kapiert hatte, dass das Buch in der Vergangenheit beginnt, lagen bereits einige Seiten hinter mir. Vielleicht war das meiner Unaufmerksamkeit zu verdanken, aber ehrlich: Wer liest schon die Jahreszahlen, die ab und zu in den Sprechblasen auftauchen?

Als ich aber begriffen hatte, dass zwei Geschichten erzählt werden, riss mich die Geschichte voll mit. Die Zeichnungen und Dialoge sind gewohnt gelungen, die Story ist jedoch anders als die bisherigen. Sie offenbart Geheimnisse, die zuvor nur angedeutet wurden. Mir hat der Band bisher am besten gefallen. Einziges Manko ist, dass er keinen echten Abschluss hat. Für eine Auflösung müssen wir auf die nächsten Bände warten. Wenn die Geschichte so spannend bleibt, warte ich aber gern.

Fazit: Der vierte Band der Reihe ist wieder völlig anders als die vorherigen. Bisher nur angedeutete Geheimnisse treten offen ins Tageslicht, ohne wirklich aufgelöst zu werden. Ein spannender Band, der den nächsten praktisch zur Pflichtlektüre werden lässt.

Manifest Destiny 4: Sasquatch
Comic
Chris Dingess, Matthew Roberts, Owen Gieni
Cross Cult 2017
ISBN: 978-3-95981-031-9
128 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 20

[Die Rezension wurde für den Ringboten erstellt. Der Verlag stellte mir dafür ein Rezensionsexemplar zur Verfügung.]

12.05.17

Dumm muss nicht dumm handeln

Der Punkt ist mir das erste Mal aufgefallen, als ich die Old-School-RPG-Fibel redigiert habe. Zitat:

Das Können des Spielers wird zum Schutzengel des Charakters – nenne es das Glück des Charakters oder seine Intuition oder was auch immer dir passend erscheint, aber halte dich als Spieler nicht zurück, nur weil dein Charakter einen niedrigen Intelligenzwert besitzt. Rollenspiel ist Teil des Spiels, aber es ist kein Bündnis mit deinem Charakter zum Selbstmord.

Das trifft ein Problem, dem ich zwar schon häufiger über den Weg gelaufen bin, das ich mir aber noch nie richtig bewusst gemacht habe. Ich spiele keine dummen Charaktere - jedenfalls nicht lange. Ich habe das schon probiert: Mal den dummen Haudrauf spielen, stark aber geistig langsam. Das kann richtig Spaß machen. Aber nur für eine kurze Zeit. Ziemlich schnell stelle ich fest, dass sich so ein Charaktere aus vielen Bereichen des Spielabends ausschließt. Das mag für Spieler funktionieren, die sich gern zurücklehnen, dem Spektakel zugucken und sich nur einmischen, wenn es jemanden aufzumischen oder ein paar witzige Sprüche beizusteuern gibt. Für mich ist das nichts. Rätsel lösen, Pläne schmieden, Strategien entwickeln ... all die coolen Sachen, die ein Rollenspiel überhaupt erst interessant machen, darf ich nicht tun, wenn ich meinen dummen Charakter "richtig" spielen will.

Matt Finchs Old-School-Ansatz ergibt für mich mehr Sinn. Ein dummer Charakter kann Spaß in eine Runde bringen und ist entspannend zu spielen. Aber ich möchte nicht von der Hälfte des Spiels ausgeschlossen werden. Ich als Spieler kann ruhig mitplanen und miträtseln, wenn ich dann wieder meinen Charakter spiele, hat er eben Glück, eine gewisse Bauernschläue oder Erfahrungen, die bestimmte Überlegungen instinktiv kommen lassen.

"Aber was ist mit Immersion, mit Rollenspiel, Charakterdarstellung und Realismus?", rufen jetzt Einige. Diese verweise ich an meinen vorletzten Post.

11.05.17

[Rezension] Brix

„Brix“ ist ein kurzes Zwei-Personen-Taktikspiel und sieht gleich auf den ersten Blick irgendwie „nett“ aus. Die Beschreibung auf der Kastenrückseite und die Optik erinnern (aus gutem Grund) an „Vier gewinnt“ oder „Tic-Tac-Toe“. Es kann in mehreren Schwierigkeitsstufen gespielt werden, ist für eine breite Altersstruktur ausgelegt und verspricht einfach, schnell und knifflig zu sein.

Die Farben von „Brix“ sind orange und blau. Durch den teilweise durchsichtigen Deckel sieht man sofort, was man kauft: Würfel, die immer in Paaren zusammengesetzt sind, je ein blauer und ein orangefarbener Würfel. Die Seiten tragen X- und O-Symbole wie man sie aus dem Spiel Tic-Tac-Toe kennt.

Die Regeln schnell erklärt: Zwei Spieler sitzen sich gegenüber und wählen jeder eine Farbe aus. Dann setzen sie abwechselnd je einen Doppelstein, sodass nach und nach eine Mauer aus Steinen entsteht. Ziel ist es, eine Viererreihe der eigenen Farbe zu erhalten. Wer jemals das alte Spiel „Vier gewinnt“ gespielt hat, erkennt das Prinzip sofort. Der Unterschied ist hier natürlich, dass man nicht nur seine eigene Farbe, sondern wegen der Natur der Doppelwürfel auch die des Gegners setzt. Sollte man eine Viererreihe zusammensetzen, gleichzeitig aber auch eine weitere für den Gegner, verliert man.

Wozu aber sind die X und O auf den Steinen? Zunächst kann man, sollte man das bevorzugen, statt mit Farben mit den Symbolen spielen. Der eigentliche Zweck der Symbole ist es aber, das Spiel zu erweitern. Sie ermöglichen zwei zusätzliche Spielvarianten. Auf der nächsten Schwierigkeitsstufe wählt ein Spieler „Farben“ und der andere „Symbole“. Ziel ist es nun für den einen eine Reihe aus entweder blauen oder orangefarbenen Steinen zu bekommen und für den anderen eine Reihe aus entweder X- oder O-Symbolen. Wer es noch ein kleines Bisschen schwieriger machen will, nimmt die dritte Variante. Hier wählt ein Spieler blau und O und der andere orange und X, ansonsten bleiben die Regeln gleich.

Ich habe Testspiele mit allen drei Varianten gemacht. Die taktische Tiefe ergibt sich nach ein paar Spielen. Sie ist zwangsläufig etwas beschränkt, aber tiefer, als es auf den ersten Blick vielleicht den Anschein hat. Wir hatten jedenfalls Spaß, konnten nebenbei Quatschen und ein Bier trinken. Die beiden letzten Varianten unterscheiden sich nur wenig, aber es ist schön, wenn ein Taktikspiel wie „Brix“, das so einfach und kurz ist, mehrere Spielmöglichkeiten bietet. Mit den höheren Schwierigkeitsstufen kann man den Wiederspielwert erheblich erhöhen.

Fazit: „Brix“ erinnert an den alten Klassiker „Vier gewinnt“. Wer das immer noch mag, wem es aber zu simpel geworden ist, der bekommt eine würdige Alternative geboten, die abhängig von der gewählten Spielvariante ein oder zwei Ebenen hinzufügt und erweitert. Es ist ein schönes kleines Spiel für „Zwischendurch“, ohne Aufwand, schnell erklärt und schnell gespielt.

Brix
Brettspiel
Charles Chevallier, Thierry Denoual
Pegasus Spiele 2017
Preis: EUR 19,95

[Die Rezension wurde für den Ringboten erstellt. Sie basiert auf ein Rezensionsexemplar des Verlags.]

30.04.17

Realismus ist für Leute, die Spaß für optional halten

Dies ist ein Gedanke, den ich, glaube ich, schon lange verinnerlicht habe. Ich erinnere mich jedenfalls an Situationen, in denen ich mich entsprechend verhalten habe. Vor kurzem stieß ich auf eine Reihe von Blogartikeln, die den Gedanken ins Zentrum allen Abenteuerdesigns gerückt haben. So habe ich das erste Mal bewusst darüber nachgedacht.

Die Idee ist folgende:

Nicht Realismus sollte das Designziel von Abenteuern sein, sondern der Spaß der Spieler. Spaß kommt im Rollenspiel aus interessanten Entscheidungen - vielleicht nicht ausschließlich, aber hauptsächlich. Charakterdarstellung, Immersion, Grusel, Spannung ... all das ist nichts ohne interessante Entscheidungen. Wenn man folgerichtig interessante Entscheidungen in den Mittelpunkt des Abenteuerdesigns und Spielleitens rückt, muss der Realismus manchmal weichen.

Ein paar Beispiele (die meisten davon aus den verlinkten Blogartikeln):

Gruppenaufteilung:

Vor langer Zeit leitete ich das geniale Cthulhuabenteuer Die Froschkönigfragmente. Das Abenteuer beginnt in Göttingen. Die Charaktere werden beauftragt einen Professor zu suchen, der vor ein paar Tagen verschwand. Die Spur führt in eine Kleinstadt namens Sehusen, wo der Großteil des Abenteuers stattfindet. Neben Sehusen wird aber auch Hannover erwähnt. Es ist keine echte Spur, die dorthin führt, aber Spieler können durchaus auf die Idee kommen, auch dort nachforschen zu wollen. In Hannover passiert aber nichts. Als meine Gruppe beschloss, sich aufzuteilen - eine Hälfte fährt nach Sehusen, die andere nach Hannover - war ich in einer blöden Situation. Natürlich hätte ich Hannover improvisieren können, aber nicht an diesem Abend. Ich war dazu nicht aufgelegt. Die eine Hälfte hätte also herumgesessen, während die andere das eigentliche Abenteuer erlebt. Meine Entscheidung war Offenheit: Ich sagte der Gruppe, dass sie in Hannover nichts herausfinden und sich alle einen halben Tag später in Sehusen treffen.

Realistisch war das nicht. Der Zeitablauf hätte ein anderer sein müssen. So aber war die Situation innerhalb von 30 Sekunden aufgelöst und alle gemeinsam konnten weiter das spannende Abenteuer erleben.

Der unzuverlässige Auftraggeber:

Der Spielleiter hat ein Abenteuer vorbereitet. Der Auftraggeber verspricht ein magisches Schwert als Belohnung. Einer der Spieler kommt auf die Idee, dass das Schwert unecht sein könnte. Vielleicht will der Auftraggeber die Charaktere bescheißen. Der Spielleiter sagt den Spielern, dass das Schwert echt ist und sie den Auftrag getrost annehmen können. Realistisch? Nein. Im anderen Fall hätten die Spieler aber raten müssen. Sie wären ggf. nicht auf den Auftraggeber sauer gewesen, sondern auf den Spielleiter, denn in dieser Situation konnten sie keine informierte Entscheidung treffen, sondern mussten "Was denke ich wohl gerade?" mit dem Spielleiter spielen. Das ist blöd und langweilig. Außerdem wollen alle endlich mit dem Abenteuer loslegen und sich nicht mit so einem Quatsch auseinandersetzen.

Fallen:

Interessante Fallen bringen interessante Entscheidungen. Dazu muss man sie finden und sie dürfen nicht sofort töten. Realistische Fallen wollen aber nicht gefunden werden. Noch extremer ist die potenzielle Gefahr von Fallen. Wenn die Spieler jede Tür, jedes Schloss und jeden Raum erst aufwendig nach Fallen untersuchen, weil sie jederzeit damit rechnen müssen, dass der Spielleiter ein lautes "Ha! Erwischt!" von sich gibt und dann eine Falle zuschnappen lässt, ist das unvorstellbar langweilig. Weniger Realismus bedeutet hier eindeutig mehr Spielspaß.

(Daniel und ich haben vor kurzem einen Podcast zu Fallen aufgenommen. Wer sich für unsere genau Meinung zu Fallen interessiert, möge ihn sich anhören. Er ist unterhaltsam - ehrlich :-) )

Leere Räume:

Leere Räume im Dungeon sind langweilig? Von wegen! Der Spielleiter muss sich nur darauf konzentrieren, Dinge zu beschreiben, die interessante Entscheidungen bewirken. Im oben verlinkten Hack-and-Slash-Blog wird es folgendermaßen beschrieben: "Ihr betretet ein Schlafzimmer. An interessanten Dingen seht ihr einen Schrank, ein Kästchen und ein an der Wand hängenden goldenen Schild." Realistischerweise müssten die Charaktere auch das Bett untersuchen, dass sicherlich in diesem Schlafzimmer steht, und vielleicht den Boden und all die anderen Dinge, die herumstehen könnten. Doch das wäre langweilig. Der Spielleiter gibt eine Auswahl vor, diese kann untersucht werden und das war's.

Bei einer Ansammlung von leeren Räumen kann man sogar noch extremer vorgehen: "Im Westflügel gibt es nichts zu finden. Was macht ihr im Ostflügel?" Oder: "Im Westflügel gibt es nur wenig zu finden. Wenn ihr ihn komplett untersuchen wollt, dauert das drei Stunden und ich würfele zweimal auf der Tabelle für Zufallsbegegnungen. Wollt ihr das?"


Gibt es für die vier Beispiele Möglichkeiten, den Realismus aufrecht zu erhalten und trotzdem Spaß zu haben? Sicherlich. Klappt das immer? Nein. Es sitzen reale Leute um den Tisch herum, Leute, die vielleicht nicht immer 100%ig aufmerksam sind, Leute, die mal mehr, mal weniger kreativ sind. Leute, die wissen, dass der Spielleiter der Erfinder bzw. das Sprachrohr des Erlebten ist und keine reale Welt mit realen Gegebenheiten dahintersteckt. Leute, die sich in bestimmten Situationen eher vom Spielleiter hereingelegt fühlen als vom Abenteuer. Um interessante Entscheidungen treffen zu können, benötigen die Spieler Informationen und manchmal ist es nicht realistisch, dass sie die Informationen haben. Doch das ist egal, Hauptsache ist, sie bekommen sie.

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Dieser Artikel steht unter einem neuen Label: "Abenteuer gestalten". Ich schreibe zurzeit ein Buch mit diesem (Arbeits-) Titel und hoffe, dass es noch dieses Jahr fertig wird. Vielleicht kommt der Artikel, wie er ist, ins Buch, vielleicht auch nicht. Wenn ich in Zukunft etwas Interessantes über Abenteuerdesign finde, wird es dieses Label tragen.

22.04.17

[Rezension] Manifest Destiny 3: Chiroptera und Carniformaves

„Manifest Destiny“ berichtet von der Expedition von Captain Meriwether Lewis und Second Lieutenant William Clark in die unerforschten Gebiete von Amerika. Sie sollen das Land erkunden und für eine spätere Besiedlung sicher machen. Sie stießen bereits auf verschiedenste Gefahren: Monster, Krankheiten, ihre eigenen Leute. Was mag sie wohl im dritten Teil der Reihe erwarten?

Der Leser mag befürchten, dass sich die Gefahren wiederholen. Wie viele Arten, Monstern zu begegnen mag es wohl geben? Chris Dingess gelingt es aber ein weiteres Mal eine völlig andere Art von Schrecken auf die Hauptfiguren zu hetzen. Dieses Mal ist zunächst gar nicht sicher, wie gefährlich diese putzigen Wesen sind, die ihnen über den Weg laufen. Die Reisenden können sich sogar mit ihnen unterhalten.

Als das Schiff weiter flussaufwärts ins Landesinnere fährt, am Horizont ein weiterer Steinbogen auftaucht und der Befehl ausgegeben wird, diesen zu erkunden, ist niemand begeistert. Die letzten beiden Male sind viele Menschen gestorben, als sie diese Torbögen untersucht haben. Captain Meriwether ist aber unerbittlich. Er stellt eine Gruppe zusammen und gemeinsam gehen sie in Richtung des Torbogens. Das blaue Vogelwesen, das sie in der Nähe des Bogens entdecken, scheint zunächst ungefährlich zu sein, doch dann greift es einen Seemann an und wird gefangen gesetzt. Als es plötzlich anfängt zu sprechen, ist der Schrecken groß.

Der kleine Kerl gehört einer Zivilisation an, die der Mannschaft völlig fremd ist. Dementsprechend weiß auch niemand, inwieweit man ihnen trauen kann. Schließlich taucht ein zweites Monster, ein geflügelter Fleischfresser, auf und das blaue Federwesen ruft dazu auf, es zu jagen und zu töten. Doch wie gefährlich ist das? Und will der sprechende Vogel die Mannschaft vielleicht in eine Falle locken?

Dingess gelingt es ein weiteres Mal, die Spannung über die gesamte Länge des Bandes aufrecht zu halten. Viel zu schnell ist man am überraschenden Ende angekommen und fiebert auf den nächsten Teil der Geschichte. Misstrauen gemischt mit Fremdartigkeit und ein wenig Ungläubigkeit bestimmen die Handlung. Der Schluss ist schockierend. Blut und Horror kommen auch nicht zu kurz. Die Geschichte der Mannschaft, ihre internen Schwierigkeiten und Persönlichkeiten rücken etwas in den Hintergrund, doch das stört nicht. Die Vogelwesen sind einfach zu faszinierend.

Bilder und Erzählweise erinnern wie in den ersten Bänden an einen Hollywoodfilm. Mich würde es nicht wundern, wenn irgendein Studio ein Fantasy-Action-Spektakel aus der Geschichte machte. Die Bilder von Matthew Robert und die Farben von Owen Gieni unterstützen die Erzählung hervorragend. Erst durch sie hat der Leser das Gefühl in einem Film zu sein.

Fazit: Der dritte Band steht den ersten beiden in nichts nach. Er setzt sogar noch einen drauf, was Spannung und ungewöhnliche Themen angeht. Dingess mischt Abenteuer, Fantasy und Horror zu einer innovativen Saga. Für solche Geschichten werden Comics gemacht.

Manifest Destiny 3: Chiroptera und Carniformaves
Comic
Chris Dingess, Matthew Roberts, Owen Gieni
Cross Cult 2016
ISBN: 978-3-95981-027-2
128 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 20,00

[Die Rezension wurde für den Ringboten erstellt. Sie basiert auf ein Rezensionsexemplar des Verlags.]

18.04.17

[Rezension] ASH Austrian Superheroes Vol. 1 - Rückkehr der Helden

Superhelden sind eigentlich etwas typisch Amerikanisches. Wie aber würden europäische Superhelden aussehen – oder in diesem Fall österreichische? Diese Frage stellte sich auch das Team hinter "ASH" und beantwortet sie auch gleich selbst.

Österreichische Superhelden? Wiener Schmäh und Heldentaten von Leuten in Strumpfhosen? Ob so etwas funktioniert, hängt davon ab, ob es den Machern gelingt, sich von den amerikanischen Vorbildern zu lösen. Es gelingt ihnen. Ohne krampfhaft anders sein zu wollen, erzählen sie eine humorige Geschichte, die sich nicht davor scheut Klischees zu benutzen oder auch mal albern zu sein.

"ASH" wurde mithilfe eines Kickstarters finanziert. Man mag von Crowdfunding halten, was man will, aber ein Produkt wie dieses würde ohne Vorfinanzierung wahrscheinlich nicht existieren. Ursprünglich aus vier Heften bestehend wurde die vorliegende Miniserie "Rückkehr der Helden" mit einigen Extras angereichert, die sie zu einem hübschen Stück Comickultur machen. Kleine "Making-offs" zeigen frühe Stadien der Figuren und wie sie sich entwickelten. Es gibt Texte, die ein wenig über den Verlauf des Kickstarters und Ziele und Pläne der Macher berichten. Für jedes Heft werden drei Variantcover abgedruckt. Außerdem gibt es einige Minigeschichten, die im Zuge der KS-Promotion herausgebracht wurden, z. B. zum Free Comicbook Day. Jede davon erzählt die Originstory eines der Helden des Teams. Die Extras zusammengenommen lassen den Leser an der Entwicklung teilhaben, geben ihm ein klein wenig den Eindruck "dazuzugehören". Prinzipiell ist das natürlich nichts Neues, aber genau dieses Gefühl ist vielleicht der Grund, überhaupt einen Blick auf europäische Superhelden zu werfen. Es geht hier um uns und nicht um Amerikaner. So funktioniert der erste Band von ASH gleich auf mehreren Ebenen und vermittelt ein nicht alltägliches Comicerlebnis.

Hauptperson der Geschichte ist Captain Austria jr., der Sohn des ursprünglichen Captain Austria, der versucht in Papas Fußstapfen zu treten. Papa selbst taucht nur kurz auf und ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Die anderen Leute des sich bildenden Superheldenteams sind da anders. Eine superstarke Dame namens Lady Heumarkt ist die Tante von Cap Junior. Das Donauweibchen ist ein Wasserwesen und was genau mit dem Bürokraten ist, wird (noch) nicht erklärt.

Jedes Superteam braucht einen Supergegner. Dieser hier ist ein Basilisk – superstark und riesig groß –, der in Wien und Umgebung wütet und unschuldige Menschen umbringt. Cap Junior kann ihn allein nicht besiegen und sucht sich ein Team zusammen. Er muss schließlich sogar zu Papa kriechen und ihn um Hilfe bitten, was ihm wirklich nicht leicht fällt.

Obwohl die Geschichte um ein scheinbar unbesiegbares Monster geht, ist sie kleiner als die typische Superheldenstory und aus diesem Grund irgendwie sympathischer. Die Persönlichkeiten hinter den Teammitgliedern, die teilweise vorhandenen Familienzugehörigkeiten, ihre kleineren Probleme und Alltäglichkeiten werden in die Geschichte eingebracht, ohne sie damit zu überfrachten. Die Helden müssen auch schon mal mit der U-Bahn zum Ort des Geschehens fahren. Humor spielt eine große Rolle. Weder er noch die Handlung selbst ist besonders subtil, aber beides zusammen macht Spaß. Alte Geheimnisse werden angedeutet und das Verhältnis zwischen den Figuren wird nicht abschließend erklärt. Der Plot um den Basilisken wird zwar abgeschlossen, doch es bleibt genug offen, um sich auf die nächsten Bände zu freuen.

Die Reihe ist bei Cross Cult gut aufgehoben. Der kleine Verlag beweist immer wieder ein gutes Gespür und viel Liebe zum Detail. "ASH" wird als Softcover herausgebracht, was ich persönlich für eine gute Wahl halte. So kann der Fan in preislich angemessenem Rahmen die Heldentaten von Österreichs größtem Superheldenteam erleben.

Fazit: Die erste Miniserie von "ASH" macht Spaß. Angefüllt mit viel Humor und Klischees erzählt der vorliegende Band das erste Abenteuer von Österreichs jungen Superhelden. Wichtiger noch als die Gefahr selbst, der sich die kleine Truppe stellen muss, sind die Hintergründe der Helden. So wird die Geschichte persönlicher, "kleiner" und sympathischer. "ASH" schafft es durch seinen eigenen Stil, sich von amerikanischen Superheldengeschichten abzuheben und das Genre europäisch zu machen. Da bin ich gern auch in den folgenden Bänden dabei.

ASH Austrian Superheroes Vol. 1 - Rückkehr der Helden
Comic
Harald Havas, Thomas Aigelsreiter, Patrick Kloepfer
Cross Cult 2016
ISBN: 978-3-95981-133-0
144 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 16,90

[Die Rezension wurde für den Ringboten erstellt. Sie basiert auf ein Rezensionsexemplar des Verlags.]

31.03.17

Old-School-Erleuchtung

Bei mir hat es 'klick' gemacht. Ich bin gespannt, ob sich dieser Moment - diese Erkenntnis - in zukünftigen Spielen niederschlägt.

Die Old-School-Rollenspiel-Fibel erscheint bald. Zum Gratisrollenspieltag 2017 wird das Heftchen in vielen Rollenspielläden ausliegen. Es hat Spaß gemacht, Daniels Rohübersetzung zu korrigieren (auch wenn ich froh bin, dass sich ein paar Leute gefunden haben, die meine halbgaren Korrekturen korrigiert haben - Textarbeit ist doch was Spannendes ...).

In der Fibel beschreibt Matt Finch (Frog God Games), was Old-School-Rollenspiel von anderen, modernen Rollenspielen unterscheidet. Dem modernen Spieler müssen die alten Regeln unvollständig und chaotisch vorkommen. Nun, sie waren unvollständig und chaotisch, keine Frage, doch mit den Retroklonen hat sich zumindest letzteres gebessert. Und was das unvollständig angeht ... das ist Meinungssache, wie uns Matt Finch anschaulich erläutert. Er erklärt in seiner Fibel mehrere Zen-Momente des Old-School-Spiels. Der erste lautet: "Rulings, Not Rules". Ich zitiere den ersten Absatz:
Im Old-School-Rollenspiel trifft der Spielleiter die meiste Zeit Entscheidungen (Rulings), ohne sich auf festgelegte Regeln zu beziehen (Not Rules). Es ist leicht, die Worte dieses Satzes zu verstehen, um ihn aber wirklich zu begreifen, bedarf es einer Art Erleuchtung.
Die "Erleuchtung" hatte ich vor ein paar Wochen. Zurzeit spielen wir ab und zu The Powers Hack. Dabei handelt es sich um einen Superheldenhack von The Black Hack, einem Old-School-Mini-Regelwerk, das in bestimmten Kreisen gerade total hipp ist. Da ich schon lange nach einem Superheldenregelwerk suche, das ich nicht wochenlang studieren muss, um all die verschiedenen Kräfte zu begreifen, das aber dennoch eine vernünftige Auswahl derselben bietet, habe ich mir TPH gekauft. Mal abgesehen davon, dass es grafisch unter aller Sau ist, war ich auch inhaltlich zunächst enttäuscht. Mein erster Eindruck war, ein grob zusammengezimmertes, nicht getestetes System erhalten zu haben. Die Charakterklassen unterscheiden sich wenig und sind generell eher langweilig. Die Superkräfte der Figuren sollen ausgewürfelt werden. Man würfelt in zwei Tabellen und erhält dann, sagen wir Telekinese und Wetterkontrolle oder Unsichtbarkeit und Laseraugen. Die Beschreibungen der Superkräfte beschränken sich auf einen kurzen Satz: "Der Charakter kann sich unsichtbar machen." Oder: "Der Charakter kann Dinge mit seinem Geist bewegen."

Sofort ging mein New-School-Gehirn an: Welches Gewicht kann er mit seinem Geist heben? Wie schnell bewegt er die Dinge vorwärts? Kann er sich selbst anheben?

Inzwischen gibt es einen etwas ausgefeilteren Superheldenhack (The Super Hack), doch als sich die Gelegenheit ergab, ein Abenteuer zu leiten, das mir sehr gut gefällt (The Power of Fear), ergriff ich die Möglichkeit. TPH erschien mir einfacher. Fünf bis zehn Minuten Werte und Kräfte auswürfeln, Name und Beschreibung wählen und nochmal vier Minuten Regeln erklären. Los geht's. Das erschien mir wünschenswert und da ich mit Freunden spielen wollte, hätte es auch ruhig schiefgehen können, ohne dass es mir hätte peinlich sein müssen.

Und da kam sie, meine Zen-Erleuchtung. Einer der Spieler würfelte Telekinese und Insektenmimikry. Jetzt mussten Entscheidungen getroffen werden. Ich legte fest, dass er mit der Telekinese maximal ein Auto anheben kann. Die Bewegungsgeschwindigkeit hängt vom Gewicht ab - je schwerer desto langsamer. Das Mimikry wird folgendermaßen beschrieben: "Character has the abilities of an insect (Wall crawling, Hard Shell etc)." Wir überlegten gemeinsam, was für ein Insekt er darstellen könnte, und er entschied sich für einen Skarabäus - womit auch sein Name klar war: Dr. Scarab. Wir legten fest, dass sein Insektenpanzer zwei Punkte Rüstung gibt, die abweichend von den normalen üblichen Rüstungsregeln bei jedem Schlag und nicht nur einmal pro Kampf angerechnet wird. Außerdem sollte er Stacheln haben, die zwar überhaupt nichts mit Skarabäen zu tun haben, aber dafür cool an einem Superhelden sind. Schaden: +1W6. An der Wand laufen kann er nicht.

Diese Entscheidungen trafen wir in fünf Minuten, während wir die Regeln besprachen. Mein "innerer New-Schooler" rief die ganze Zeit: "Aber was ist mit Balancing? Was ist, wenn das später zu mächtig ist?" Die Gegenfrage muss natürlich lauten: "Wofür zu mächtig"? Hier kommt nämlich ein weiterer Old-School-Ansatz zum Tragen, den man viel zu leicht ignorieren kann: Der nächste Kampf kommt bestimmt. Während die Charaktere den aktuellen Gegner einfach überrennen, weil sie die richtige Fertigkeit haben, setzt sie der nächste Gegner vielleicht vor unüberwindbare Schwierigkeiten.

Die Entscheidungen über die Kräfte waren getroffen und funktionierten einfach. Später tauchte die Frage auf, ob sich Dr. Scarab selbst mit der Telekinese anheben kann. Wir beschlossen, dass er es zwar nicht direkt kann, dass es ihm aber möglich ist, sich damit abzustoßen, er also eine Art von telekinetischen Sprüngen beherrscht, die ihm helfen, wenn er irgendwo herunterfällt. Das kommt dem Fliegen sehr nahe, ist aber nicht das gleiche. Der Spieler beschloss außerdem, dass bei einer Anwendung der Kraft violette Wellen aus seinen Fühlern kommen, die das Objekt umhüllen, das er bewegen will. Damit wurde das gesamte Abenteuer spontan zu einer 60er- oder 70er-Jahre Vorabendserie.

Vergisst man das Balancing, sind solche Ad-hoc-Entscheidungen einfach zu treffen. Ich konzentrierte mich darauf, die Welt und die Gegner halbwegs nachvollziehbar darzustellen. Ich traf noch viele weitere Entscheidungen dieser Art - häufig trafen auch die Spieler Entscheidungen für mich, weil sie ihre Figuren beschrieben oder Fragen stellten, die ich gern mit 'Ja' beantwortete. Die Kämpfe sind kreativer als alle Kämpfe, die ich bisher gefochten habe. Wenn die Spieler etwas versuchen, sage ich normalerweise 'Ja', häufiger allerdings 'Ja, aber'. Das 'Aber' bedeutet kleine Anpassungen an die Situation oder eine Würfelprobe. Ich glaube, ich habe in drei Spielabenden nur ein einziges Mal 'Nein' gesagt.

Das ist herrlich befreiend. Wir spielen kreativ, lachen viel und spannend ist es auch noch. Finch hat also Recht: Man muss den ersten Zen-Moment erlebt haben, um ihn zu begreifen. Und das kann man nur, indem man ihn ausprobiert.

Vielleicht kann man es folgendermaßen zusammenfassen:

  • Tu es einfach!
  • Vergiss Balancing! Der nächste Kampf kommt bestimmt.
  • Triff die Entscheidungen anhand der Welt und dem allgemeinen Gefühl am Tisch, nicht anhand von irgendwelchen Ideen zur Story oder vagen Konzept von Gerechtigkeit. (Mit 'Gefühl am Tisch' meine ich die Meinung der Spieler. Sind alle der Meinung, dass etwas auf eine bestimmte Weise funktioniert, wird es das wahrscheinlich auch.)
  • Sag 'Ja'.